Oljas Süleymenov: Eine Minute Schweigen am Rande der Welt

14,80  inkl. MwSt.

Eine Minute Schweigen am Rande der Welt
Минута молчания на краю света
Gedichte Russisch-deutsch

ISBN: 9783935597517

Beschreibung

Eine Minute Schweigen am Rande der Welt
Минута молчания на краю света
Gedichte Russisch-deutsch

Aus dem Russischen von Walerija Weiser
Mit einem Nachwort von Mario Pschera
172 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag
ISBN: 9783935597517

Leseprobe-Suleymenov_Eine_Minute_Schweigen-opt

Zusätzliche Information

Autor

1936 in Alma-Ata geboren, veröffentlicht der studierte Linguist Süleymenov seit 1958 Gedichte, Essays und Aufsätze. Seinen künstlerischen Durchbruch erlangte er in der »Tauwetterperiode« mit öffentlichen Lesungen in Moskau, Paris und New York. Süleymenov war gemeinsam mit seinen Freunden Andrej Wosnessenskij und Alan Ginsburg Teil jener legendären Beatnik-Generation, die die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft in Ost und West durchbrach und sich wenig um die Feindbilder des Kalten Krieges scherte. Diese bereitete popkulturellen Phänomene wie die Hippiekultur vor, die Militarismus und Staatshörigkeit strikt ablehnte. Weniger bekannt ist, daß diese Jugendbewegung auch in der Sowjetunion Fuß faßte, wenn auch von der Staatsmacht argwöhnisch beäugt. Texte der genannten Poeten wurden vertont und bildeten den Grundstoff für das Schaffen von Legionen von Liedermachern wie Wladimir Wyssotzkij und Rockbands wie Nautilus Pompilius und Mashina Wremeni. Noch heute wird Süleymenov von einer jungen experimentellen Künstlergeneration bewundert und zitiert.

1975 verursachte Oljas Süleymenov mit seinem Essay »AzIJa« (Asien/Ich und Ich) einen Skandal, in dem er die rassistischen und kolonialistischen Konnotationen des großrussischen »Igorliedes« linguistisch und literaturhistorisch bloßlegte. Nur seine internationale Popularität bewahrte ihn vor ernsteren Konsequenzen. In den 1980er Jahren engagierte sich Süleymenov für die Bürgerrechte und in der Anti-Atom-Bewegung »Nevada – Semipalatinsk«.

Die Gedichte Süleymenovs sind von einer vertrackten Vielschichtigkeit, an der schon manche deutsche Nachdichtung gescheitert ist. Auf Russisch geschrieben, nehmen sie Worte und Bedeutungen aus den neueren und alten Türksprachen, dem Arabischen und Hebräischen auf, adaptieren und verformen sie zu einer Weltsprache, die dem Kosmopolitismus Süleymenovs eignet. Wenn Scholem Alejchem zum Salam Alejkum wird, tatsächlich sind die Worte gleichbedeutend, offenbart sich im Gedicht die Absurdität des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Der goethesche Mephistopheles wird zum Schaitan, der wider den Stachel der Tradition, des Gottgewollten löckt. Die Helden des kasachischen Epos rettet nur das Wort, das »agit«, die Totenklage schenkt Leben. Die »asiatische Lethargie« wird mit dem Utilitarismus der Kolonisatoren konfrontiert. In knapper, oft freirythmischer Form verkörpern die Verse Süleymenovs eine Synthesis der Weltkulturen, das Gegenwärtige im Geschichtlichen. Gnadenlos zerlegt er die süßliche Romantik der stilisierten Boheme. »Ein Pony ist ein mißverstandenes Pferd.« Selbst scheinbar idyllische Naturbilder wenden sich in eine Abrechnung mit menschlichen Grausamkeiten und Überhebungen. Für nationalistische Vereinnahmungen eignet sich der kasachische Dichter nicht. Aber sollte je eine nichteurozentristische Geschichte der Lyrik des 20. Jahrhunderts geschrieben werden, wird man an Oljas Süleymenov nicht vorbeikommen.

Leseprobe

Am Beginn meiner langen Reise
prägte ich das Gesetz mir ein:
Wenn du willst, sei von Herzen fröhlich,
aber werde zuvor ein Greis.

So ein Greis, von der Sonne beschienen
oder vom Mond, hat es gut –
lauthals lacht er dem Feind in die Augen,
biegt ihn mühelos krumm
und zerreibt ihn zu Staub.

(Hinter jedem Fenster erwartet
mich ein Tee, eine Decke und Brot,
eine unverhoffte Umarmung,
wenn der Ehemann taub ist und blind.
Jeder freut sich, die Hand mir zu drücken,
höflich fragt man nach meinem Pferd.
Könnte ich nur die Leute so achten,
wie man mich allenthalben ehrt.)

Schnell wie Quecksilber schauen die Augen,
ach, wie satt hab ich dieses Gesicht:
Wenn du willst, kannst du Trübsal blasen,
aber werde zuvor ein Schuft.

Schwankend läuft mir mein Weg entgegen.
(Das Gesetz wirft mich hin und her:
Wenn dein Sinn vor Erinnerung trüb ist,
wenn dich plötzlich die Sehnsucht faßt,
schlag dich selbst an die rechte Schläfe,
triff die Schläfe mit deiner Faust.
Jag ein Messer dir tief in die Brust!
Wenn du umfällst, vergiß nicht zu sterben).

Presse

demnächst