Die Gedichte Süleymenovs sind von einer vertrackten Vielschichtigkeit, an der schon manche deutsche Nachdichtung gescheitert ist. Auf Russisch geschrieben, nehmen sie Worte und Bedeutungen aus den neueren und alten Türksprachen, dem Arabischen und Hebräischen auf, adaptieren und verformen sie zu einer Weltsprache, die dem Kosmopolitismus Süleymenovs eignet. Wenn Scholem Alejchem zum Salam Alejkum wird, tatsächlich sind die Worte gleichbedeutend, offenbart sich im Gedicht die Absurdität des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Der goethesche Mephistopheles wird zum Schaitan, der wider den Stachel der Tradition, des Gottgewollten löckt. Die Helden des kasachischen Epos rettet nur das Wort, das »agit«, die Totenklage schenkt Leben. Die »asiatische Lethargie« wird mit dem Utilitarismus der Kolonisatoren konfrontiert. In knapper, oft freirythmischer Form verkörpern die Verse Süleymenovs eine Synthesis der Weltkulturen, das Gegenwärtige im Geschichtlichen. Gnadenlos zerlegt er die süßliche Romantik der stilisierten Boheme. »Ein Pony ist ein mißverstandenes Pferd.« Selbst scheinbar idyllische Naturbilder wenden sich in eine Abrechnung mit menschlichen Grausamkeiten und Überhebungen. Für nationalistische Vereinnahmungen eignet sich der kasachische Dichter nicht. Aber sollte je eine nichteurozentristische Geschichte der Lyrik des 20. Jahrhunderts geschrieben werden, wird man an Oljas Süleymenov nicht vorbeikommen.
Eine Minute Schweigen am Rande der Welt
Eine Minute Schweigen am Rande der Welt
14,80 €
Oljas Süleymenov
Eine Minute Schweigen am Rande der Welt. Минута молчания на краю света
Gedichte Russisch-deutsch
Aus dem Russischen von Walerija Weiser
Mit einem Nachwort von Mario Pschera
172 Seiten, Broschur mit Schutzumschlag
ISBN: 9783935597517
| Autor | 1936 in Alma-Ata geboren, veröffentlicht der studierte Linguist Süleymenov seit 1958 Gedichte, Essays und Aufsätze. Seinen künstlerischen Durchbruch erlangte er in der »Tauwetterperiode« mit öffentlichen Lesungen in Moskau, Paris und New York. Süleymenov war gemeinsam mit seinen Freunden Andrej Wosnessenskij und Alan Ginsburg Teil jener legendären Beatnik-Generation, die die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft in Ost und West durchbrach und sich wenig um die Feindbilder des Kalten Krieges scherte. Diese bereitete popkulturellen Phänomene wie die Hippiekultur vor, die Militarismus und Staatshörigkeit strikt ablehnte. Weniger bekannt ist, daß diese Jugendbewegung auch in der Sowjetunion Fuß faßte, wenn auch von der Staatsmacht argwöhnisch beäugt. Texte der genannten Poeten wurden vertont und bildeten den Grundstoff für das Schaffen von Legionen von Liedermachern wie Wladimir Wyssotzkij und Rockbands wie Nautilus Pompilius und Mashina Wremeni. Noch heute wird Süleymenov von einer jungen experimentellen Künstlergeneration bewundert und zitiert. 1975 verursachte Oljas Süleymenov mit seinem Essay »AzIJa« (Asien/Ich und Ich) einen Skandal, in dem er die rassistischen und kolonialistischen Konnotationen des großrussischen »Igorliedes« linguistisch und literaturhistorisch bloßlegte. Nur seine internationale Popularität bewahrte ihn vor ernsteren Konsequenzen. In den 1980er Jahren engagierte sich Süleymenov für die Bürgerrechte und in der Anti-Atom-Bewegung »Nevada – Semipalatinsk«. |
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| Leseprobe | Am Beginn meiner langen Reise So ein Greis, von der Sonne beschienen (Hinter jedem Fenster erwartet Schnell wie Quecksilber schauen die Augen, Schwankend läuft mir mein Weg entgegen. |
| Presse | demnächst |
| Übersetzerin | Walerija Weiser ist 1972 in Riga, Lettland geboren. Sie studierte Slawistik, Osteuropastudien und Übersetzungswissenschaften (Russisch und Polnisch) in Berlin und Riga, das sie 1998 mit einem Magister Artium abschloss. 1999 legte sie sie die Staatsprüfung für Übersetzer in Russisch/Deutsch ab. Seit 1999 ist sie als freiberufliche beeidigte Übersetzerin und Dolmetscherin tätig. 2007 erhielt sie ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds. Für den Dağyeli Verlag übersetzte sie Anatolij Kim, Oljas Süleymenov und Mukaghali Makatayev. |






