Metin Kaçan: Haselnuss 8. Ein Istanbuler Punkroman

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Metin Kaçan:
Haselnuss 8. Ein Istanbuler Punkroman
Roman

ISBN: 9783935597814

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Beschreibung

Metin Kaçan:
Haselnuss 8. Ein Istanbuler Punkroman
Roman

Aus dem Türkischen von Michael R. Hess
Mit einem Nachwort von Michael R. Hess
Illustriert und typografiert von Jörn Rogge und Mario Pschera
232 Seiten, Hardcover
ISBN: 9783935597814

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Zusätzliche Information

Inhalt

Sex, Drugs & Islam: Käptn Meto auf Kaperfahrt durch den Ozean Istanbul. Käptn Meto, Herr der schicken Wagen, Bändiger der 8-Zylinder, strandet in der harten Realität. Meto verweigert sich der selbstzerstörerischen Beziehung zu Sevda, der reichen, verwöhnten Frau aus dem morbiden Istanbuler Großbürgertum. Sevda rächt sich an ihrem Spielzeug. Käptn Meto, der Herzensbrecher, findet sich wieder im Knast. Erneut geht er auf eine Reise, auf einen mystischen Pfad. Und draußen vor dem Gefängnistor wartet der rotweiße Malibu. Lass den Motor an!

Während Orhan Pamuk sich einem melancholischen Erinnern an ein vergangenes Istanbul hingibt, feiert Metin Kaçan das Scheitern im Hier und Jetzt. Tragik und Komik sind ein bizarres Zwillingspaar. Die Sinnsuche in einer zerfallenden Gesellschaft, der Wahnwitz der Postmoderne, die Paranoia des Bürgertums, der Untergang des Morgenlandes. Türkischer Metrobeat und überdimensionierte amerikanische Benzinkutschen tanzen auf den Straßen des wuchernden Molochs Istanbul. Metin Kaçan lacht den jammerlappigen Kulturpessimisten ins Gesicht. Punkrock vom Feinsten.

Autor

Metin Kaçan wurde 1961 in Kayseri geboren. Im gleichen Jahr zog die Familie nach Istanbul in den Stadtteil Dolapdere, wo der Vater einen Friseurladen eröffnete. Kaçan arbeitete als Autoschlosser, Zimmermann und Blechschmied und gründete im Alter von 16 Jahren seine eigene Gang, die »Weißen Handschuhe«. Nachdem die letzten Mitglieder der Gang getötet wurden, begann er mit dem Schreiben. 1988 gab er mit Kurzgeschichten in der Zeitschrift »Mizah« sein literarisches Debüt. Sein erster Roman »Cholera Blues« (im Original »Agir Roman«) erschien 1990 und avancierte in der Türkei zum Bestseller. 1995 schrieb er das Drehbuch zu »Agir Roman«, der Film kam 1997 in die Kinos. Gemeinsam mit Kemal Aratan gab er »Istedikleri Yere Gidenler« – Erzählungen von Straßenkindern über ihr Leben – heraus. 1997 veröffentlichte er »Haselnuss 8« (im Original »Findik Sekiz« und 1999 »Harman Kaplan«. 2002 erschien der Erzählband »Adalara Vapur« (Auszüge in deutscher Sprache in: »Intercity Istanbul-Berlin«. Zeitweilig arbeitete Metin Kaçan als Verlagslektor. Nach einem bis heute nicht geklärten Vergewaltigungsvorwurf und einer Verurteilung wegen Drogengebrauchs saß er eine Haftstrafe ab. 2013 beging er Selbstmord durch einen Sprung von der Bosporusbrücke.

Die starke autobiographische Note seines literarischen Schaffens, die street creditibility seiner Person trug ihm die Liebe seines Publikums, aber auch die heimliche oder auch offene Ablehnung der etablierten literarischen Szene ein.

Leseprobe

Vorrede:
Die Namen, die in diesem Buch vorkommen, sind der Phantasie entsprungen, und der Inhalt des Buches ist eine Fiktion. Wenn Sie mich fragen, sind die Fiktionen das eigentlich Wahre! Wie dem auch sei, ich habe tatsächlich Freunde: den lieben Levent Erseven – er ist ein guter Mann. Mehmet Fahrettin hingegen ist ein schöner Mensch. Frau Nur Gürkan ist eine gutherzige Dame,
die alle tausendundeins schön duftenden Winde streicheln. Ohne die Schönste aller Schönen, Solmaz, ohne Yasemin, Fatih und Hasan, ohne Ali Kaçan, der immerwährend im schönsten Winkel meines Herzens fortlebt, zu erwähnen, ginge es einfach nicht, dürfte es nicht. Für meine Lehrmeister Aykut Değer, Orhan Martı und Numan Baykal. Und für die Kameraden Medet Kerpeten und Korsan Cevdet mit meiner vorzüglichen Hochachtung.

Und all den Hunderten von Menschen, die sich um dieses Buch und um mich bemüht haben, ohne daß ich ihre Namen hier erwähnen kann, flüstere ich als angenehmen Laut in die Ohren: Dreh dir ’n Joint!

Nachwort:
Die Reise ist das Leitmotiv des Romans »Haselnuss 8«, das sich am deutlichsten in der Autofahrt manifestiert. Metin Kaçan knüpft mit der Wahl der Automobiltypen nicht nur direkt an die Tradition der amerikanischen road novel an. Der Ortswechsel mittels des Fortbewegungsmittels des 20. Jh. durch den Protagonisten Meto und seinen Mentor Fahri Baba ist ebenso eine Wiederauflage des klassischen Musters des europäischen Bildungs- und Entwicklungsromans und eine Aktualisierung des uralten Narrativs der mystischen Reise. In beiden Fällen ist der Held auf dem Weg zu seinem wahren Selbst vorwärtsgekommen, in dem der Spannungsbogen von Identität und Wandel zusammenfällt. Diese Suche bleibt nicht auf das Individuum beschränkt. Schon in der Eingangssequenz wird ihre universalistische Ambition in dem Wunsch Metos hervorgehoben, »zum Geburtswissen der menschlichen Ursprungsnatur vorzudringen«. Der Anspruch umfassender Welterklärung drückt sich auch in der breiten Fächerung der im Roman verwendeten Textsorten aus. Motivische Zitate aus der türkischen und der Weltliteratur und Elemente aus der islamischen Tradition wechseln sich mit expliziten Bezugnahmen auf wissenschaftliche und naturwissenschaftliche Texte ab und werden in einer Art postmodernem Patchwork miteinander verwoben. Kaçan, von dem Literaturwissenschaftler İlknur Özdemir als Erbe Cervantes’ tituliert, knüpft an eine lange Ahnengalerie literarischer Vorbilder an.

Nach Kaçans Erstling »Cholera Blues«, der im Istanbuler Milieu der mittellosen Händler und Handwerker, Prostituierten, Kleinmafiosi, Bettler, Räuber und Drogensüchtigen spielt und mit sarkastischem Spott über »Fundis« nicht spart, wirkt die Hinwendung zum Religiösen in »Haselnuss 8« auf den ersten Blick durchaus überraschend. Für diese Wendung gibt es aber sowohl in der Biographie Metin Kaçans und seines alter ego Meto als auch in der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung der Türkei deutliche Motivationen…

Presse

»Veteranen der »Krautrock«- Bands der 70er Jahre berichten, sie hätte bisweilen unter dem Einfluss von Drogen irre Gitarrensoli vor sich hin gespielt und dies für große Musik gehalten. Dem Publikum sei es nicht aufgefallen, denn es sei mehrheitlich genauso bekifft gewesen. So ähnlich verhält es sich mit Metin Kaçans Roman »Haselnuss 8«, bei dessen Lektüre mir auch der Roman »Angst und Schrecken in Las Vegas« von Hunter S. Thompson (1971) in den Sinn kam, ein rücksichtsloser Psychodrogen-Trip wildgewordener Autofahrer und ein Kult-Buch jener Nach-Hippie-Ära, in der Rausch und Unterwegssein jede politische Konnotation verloren hatte und das sanfte Kiffertum der Flowerpower-Zeit längst dem suizidalen Horrortrip gewalttätiger, paranoider Multitoxikomanen gewichen war … Istanbul ist nicht Las Vegas, und wer in den 80er Jahren noch vollgedröhnt »on the road« ist, schafft es nicht mehr, dort herauszukommen. Nicht in »Haselnuss 8« – dafür ausnahmsweise mal im wirklichen Leben, denn Metin Kaçan soll mit dem Schreiben begonnen haben, nachdem das letzte Mitglied seiner Gang erschossen wurde, heißt es. Daher ist seine Prosa getränkt – geradezu übervoll – vom Slang Istanbuls, dessen Übersetzung eine Herausforderung ist, die leider nicht immer zufriedenstellend gelingt. Dennoch ist das Buch nicht mehr und nicht weniger als ein abgründiges Gesamtkunstwerk, das alle Konventionen der Erzählung, der Perspektive, sogar der Satztechnik schonungslos, ja geradezu suizidal, über den Haufen rennt. Kein gutes Buch, aber eines, das vielleicht süchtig macht.« Michael Kegler, neues deutschland, 2008